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Infoblatt Wasserkonflikte


Hintergründe ausgewählter Wasserkonflikte: Nordafrika und Vorderasien



Erde - Wasserverfügbarkeit (Klett)


Überblick

Im gesamten nordafrikanisch-vorderasiatischen Raum sind die Menschen mit gravierenden Problemen des Wassermangels und zunehmender Wasserknappheit konfrontiert. Der Raum gehört zum altweltlichen Trockengürtel mit vorwiegend semi-ariden bis ariden Klimabedingungen. Schon aus klimatischen Gründen ist Wasser in dieser Region also wichtiger als manch anderer Rohstoff. Hinzu kommt das anhaltende starke Wachstum der dortigen Bevölkerung.
Die Möglichkeiten zur Gewinnung und Nutzung von Wasser sind aber innerhalb dieses Trockengürtels sehr ungleich verteilt. Sie hängen nicht nur von der naturräumlichen Ausstattung der einzelnen Regionen ab, auch Finanzkraft, militärische Stärke und politisches Gewicht spielen eine entscheidende Rolle.
Die reicheren Ölstaaten wie Saudi-Arabien, die Emirate am Persisch-Arabischen Golf und Libyen beuten ihre fossilen Grundwasservorräte aus und können es sich leisten, kostspielige Anlagen zur Meerwasserentsalzung zu subventionieren, Weizenfelder in der Wüste zu bewässern oder ihr Wasser für luxuriöse Bäderlandschaften und Hotelanlagen bzw. Golfplätze zu verwenden. In anderen Gebieten wie zum Beispiel in Palästina ist das Wasser knapp und muss rationiert werden.
Ehrgeizige und aufwändige Projekte auf der einen, Wassermangel auf der anderen Seite – da bleibt es nicht aus, dass es zum Streit zwischen Nachbarn kommt. So hat zum Beispiel Libyen mit seinem gigantischen, aus Grundwasservorräten gespeisten Bewässerungsprojekt "Großer Künstlicher Fluss" vor allem die Ägypter verärgert, die fürchten, dass ihren Oasen im westlichen Landesteil unterirdisch das Wasser entzogen wird. Ägypten wiederum streitet mit dem Sudan und Äthiopien um das Nilwasser. Im Bereich des "fruchtbaren Halbmondes" fühlen sich Syrien und Irak durch die Türkei herausgefordert, die mit 22 Staudämmen und mit ihrem "Südostanatolien-Projekt" (GAP) die Wasservorräte von Euphrat und Tigris besser ausnutzen will.
Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn zum Streit ums Wasser noch ungelöste ethnische, territoriale oder religiöse Konflikte hinzukommen wie bei den Auseinandersetzungen zwischen Israel, den Palästinensern und den arabischen Nachbarstaaten.


Wasserkonflikte am Jordan

In den letzten 50 Jahren kam es weltweit bei 37 Wasserkonflikten zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Ein großer Teil dieser bewaffneten Konflikte (27) fand im Nahen Osten statt. Der Staat Israel ist hier in einer besonders prekären Lage, bezieht er doch bedeutende Menge seines Wassers aus Quellen, die außerhalb seiner international anerkannten Grenzen liegen. Einer dieser Wasserlieferanten ist der Jordan. Die Arabische Liga wollte 1959 die "Wasserwaffe" gegen Israel einsetzen und unterstützte Pläne Syriens, an mehreren Quellflüssen des Jordan, am Banyas, Yarmuk und Dan, Staudämme für eigene Bewässerungsprojekte zu errichten. Israel errechnete für den Jordan und den See Genezareth einen Wasserverlust von 35 Prozent. Als die Arbeiten an den Staudämmen 1964 begannen, kam es zu ersten blutigen Kämpfen. Wiederholt gefährdeten Übergriffe syrischer Truppen das Leben jüdischer Siedler im oberen Jordantal. Im "Sechs-Tage-Krieg" von 1967 bombardierte schließlich die israelische Armee die Baustellen und besetzte aus militärstrategischen Gründen die Golanhöhen sowie die Westbank. Damit gewann Israel ferner die Kontrolle über fast alle Zuflüsse des Jordan mit Ausnahme des Yarmuk.
In einem Friedensvertrag einigten sich 1994 Jordanien und Israel über die Nutzung des Wassers aus dem See Genezareth und dem Jordan. Durch einen großen Kanal, den National Water Carrier, leitet Israel heute etwa 90 Prozent des Jordanwassers aus dem See Genezareth in seine Kerngebiete. Das hat zur Folge, dass aus See und Fluss kaum noch Jordanwasser im Toten Meer ankommt (siehe unten "Totes Meer").
Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bzw. Arabern beruht unter anderem auf Streitigkeiten über die Grundwassernutzung im Westjordanland (Westbank). Seit Jahrtausenden stellen die Brunnen der Region zwischen Totem Meer und dem Karmelgebirge eine sichere Quelle der Wasserversorgung dar. Dies wird durch einen 130 km langen und 35 km breiten Bereich, die sog. Aquifere (Grundwasser führende Gesteinsschichten), gewährleistet, in denen sich oberflächennah Grundwasser sammelt und durch Regenfälle wieder aufgefüllt wird. Bis zum Sechs-Tage-Krieg wurden diese Wasservorräte von der dortigen arabischen bzw. palästinensischen Bevölkerung genutzt. Nach 1967 ging die Kontrolle über die Brunnen auf das israelische Militär und später auf das staatliche Unternehmen Mekorot über. Die Palästinenser sind seitdem nur noch Wasserempfänger, deren Wasserentnahme aus den Brunnen begrenzt und durch Wasseruhren kontrolliert wird. In der Westbank dürfen von ihnen seitdem so gut wie keine Brunnen mehr neu angelegt werden – Voraussetzung ist in jedem Falle das Einverständnis des israelischen Staates.
Das Autonomie-Abkommen von 1995 gestattet den Palästinensern aber die freie Nutzung des kleinsten der insgesamt drei Aquifere unter der Westbank. Es liegt an der Grenze zu Jordanien und entwässert mit einem jährlichen Volumen von 125-130 Mio. m³ nach Osten. Allerdings haben die Palästinenser keinen Zugang zum Jordanwasser.
Die Palästinenser fordern nicht nur eine Besserstellung in der Wasserversorgung insgesamt, sie sehen sich nach wie vor als – traditionelle – Eigentümer der gesam-ten Grundwasservorräte im Westjordanland. Sie beanspruchen Zugang zum Jordanwasser und zum Küstenaquifer im Gaza-Streifen. Sie beklagen Benachteiligungen bei der Wasserzuteilung im Vergleich zu jüdischen Mitbewohnern und Siedlern. Während viele jüdische Siedlungen genügend Wasser zur Verfügung hätten, um sogar Wälder und Grünflächen zu bewässern und Swimmingpools zu unterhalten, reiche in vielen ihrer Siedlungen die Versorgung über die Wasserleitungen kaum aus, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Den Zukauf von Wasser aus Tankwagen könnten sich viele Familien nicht leisten, weil die Preise auf dem freien Markt vier- bis fünfmal höher seien als im öffentlichen Versorgungssystem.
Zu diesen Vorwürfen und zu der gesamten Problematik liegt nun von israelischer Seite eine erste umfassende und gründliche wissenschaftliche Untersuchung vor (Haim Gvirtzman: The Israeli-Palstinian Water Conflict – An Israeli Perspective. The Begin-Sadat Center für Strategic Studies. Bar-Ilan University. Mideast Security and Policy Studies no.94. January 2012). Diese Untersuchung weist anhand entsprechender statistischer Daten nach, dass
  • Israel allen seinen Verpflichtungen aus der im Jahr 1995 mit der Palästinensischen Autonomiebehörde getroffenen Vereinbarung zur Wasserversorgung der Palästinenser nachkommt;
  • sich im Vergleich zur Situation vor 1967 die Versorgungssituation der Palästinenser sogar verbessert habe (z.B. 1967 erst vier von 708 palästinensischen Gemeinden an ein Wasserleitungsnetz angeschlossen, 2010 bereits 641);
  • die Palästinenser in der Westbank heute besser mit Wasser versorgt sind als ihre arabischen Nachbarn zum Beispiel in Syrien und Jordanien;
  • die Pro-Kopf-Versorgung im Vergleich zu 1967 von 93 m³ pro Jahr auf 129 m³ pro Jahr angestiegen sei.
Der Autor wirft den Palästinensern bzw. der Autonomiebehörde vor
  • über 250 illegale Brunnen gebohrt zu haben;
  • Wasser zu verschwenden zum Beispiel durch veraltete Bewässerungsmethoden und defekte Rohrleitungen;
  • kaum Wasserrecycling zu betreiben;
  • durch unzureichende Klärsysteme Umwelt und Landschaft zu gefährden.
Die Studie endet mit einem Angebot zur Kooperation und einem ermutigenden Ausblick: "Israel believes that the water issue could be transformed from a source of con-troversy and tension to a source of understanding and cooperation. … This paper has put forth a plan that can efficiently and quickly solve the current and future water shortages on both sides. The proposed plan would supply the sufficient quantity of water needed at least until 2030 and still leave some reserves" (S. 32-33).


Totes Meer

Da das Tote Meer keinen Abfluss hat, ist es für Salz und Mineralien, die eingeschwemmt werden, quasi eine Sackgasse. Das Wasser ist zehn Mal salziger als Meerwasser, so dass man mühelos auf dem Wasser treiben kann, ohne unterzugehen. Derzeit sinkt der Wasserspiegel jährlich um einen Meter. Hält dieser Prozess an, existiert das Tote Meer im Jahre 2050 nicht mehr. Aus sämtlichen Zuflüssen des Toten Meeres, vor allem aber dem Fluss Jordan, werden täglich große Mengen Wasser entnommen. Landwirtschaft, Industrie und Haushalte stillen so ihren immer größer werdenden Wasserbedarf. Dem Jordan werden ca. 90 % seines Wassers schon vor der Mündung entnommen. Das hat Folgen: Vor 15 Jahren noch lag der Badeort Ben Gedi am Ufer des Sees, heute fahren die Badegäste mit einem kleinen Zug zum mehrere hundert Meter entfernten Ufer. Etwa ein Drittel der Gesamtoberfläche ist ausgetrocknet und die Länge des Meers ist mittlerweile von 80 auf 50 Kilometer geschrumpft. Eine weitere Konsequenz ist, dass Grundwasser jetzt in das Meer fließt und gleich verdunstet. Der Grundwasserverlust der Anrainerstaaten wird auf 375 Mio. m³ geschätzt.
Jordanien und Israel haben im Jahr 2002 einen Plan entwickelt, um das Tote Meer mit Wasser aus dem Roten Meer wieder aufzufüllen. Dazu soll ein Kanal gebaut werden, dessen Wasser erst 200 Meter hoch gepumpt wird, dann durch die Negev-Wüste fließt, um schließlich fast 600 Meter zum Toten Meer hinabzufallen. Da das Tote Meer etwa 400 Meter unter Normalnull liegt, wird dabei elektrische Energie gewonnen, mit deren Hilfe Teile des Meerwassers entsalzt und für Bewässerungszwecke genutzt werden können. Die Gesamtkosten für dieses Projekt sollen sich auf etwa 815 Mio. Euro belaufen.


Konfliktstoff Wasser: Das Südostanatolien-Projekt

Im Euphrat-Tigris-Becken droht ein groß angelegtes Energie- und Bewässerungsprojekt in Südostanatolien (Türkei), die Wasserversorgung der Unterlieger Syrien und Irak zu gefährden. Das Projekt (GAP = Güneydojn Anadolyn Projesi = Südostanatolien-Projekt) umfasst die Aufstauung der Flüsse Euphrat, Tigris und deren Nebenflüsse durch 22 Staudämme und sollte bis 2010 fertig gestellt sein. Mittlerweile hat die türkische Regierung die Fertigstellung jedoch um mehrere Jahre verschoben. Es soll ca. 23 Mrd. Euro kosten, wobei die Weltbank aufgrund diverser Bedenken keine Unterstützung zugesagt hat. Unter anderem verweigerte die türkische Regierung die Unterzeichnung völkerrechtlich verbindlicher Verträge mit dem Irak und Syrien über die Wassernutzung.
Unter umfassenden Auflagen konnte die türkische Regierung im Frühjahr 2007 Deutschland, Österreich und die Schweiz für Kreditbürgschaften gewinnen. Nachdem in zwei Berichten im Jahre 2008 jedoch festgestellt wurde, dass nur ein Bruchteil der zur Bedingung gemachten Auflagen von türkischer Seite erfüllt worden waren, kündigten die drei Staaten in der Folge ihre Exportkreditgarantien auf.
Nutznießer von GAP soll vor allem die türkische Landwirtschaft sein, die so zu einem wichtigen Exportfaktor ausgebaut wird. Beide Flüsse entspringen in der Türkei, Syrien und der Irak sind jedoch dringend auf deren Wasser angewiesen. Im Osten der Türkei sind bisher mehr als 20 Staudämme entstanden, die das kostbare Nass zurückhalten. Dieses soll wiederum 1,6 Mio. ha Land in der Region bewässern und fruchtbar machen, insgesamt sollen eine Million Arbeitsplätze geschaffen werden. Der aus der Wasserkraft erzeugte Strom soll an die südlichen Nachbarn verkauft werden.
Zwar kommen die seit 1987 zugesicherten Wassermengen auch bei den Ländern am Unterlauf an, nur nicht immer zu der Zeit, zu der die syrischen und irakischen Bauern es dringend zur Bewässerung ihrer Felder brauchen würden. Gegen den Nato-Partner und auch wirtschaftlich überlegenen Nachbarn Türkei haben die Länder am Unterlauf so gut wie keine Chance bei der Durchsetzung ihrer Interessen. So spielte bei der Einstellung der syrischen Unterstützung für die Kurden-Organisation PKK die türkische Drohung mit Einstellung der Wasserlieferungen eine große Rolle. Im letzten Golfkrieg erwog die Türkei einen Stopp der Wasserlieferungen an den Irak, um Saddam Hussein zum Einlenken zu bewegen. Dieser Schritt hätte Tausenden von Irakern den Tod durch Verdursten gebracht. Das wirtschaftlich-militärische Bündnis zwischen der Türkei und Israel beruht wiederum zu großen Teilen auf Wasser. Israel bezieht jährlich 50 Mio. m³ Trinkwasser in Tankschiffen aus der Türkei, im Gegenzug rüstet Israel die türkische Armee mit modernem Kriegsgerät aus.


Das Nilwasser: Eine begehrte Ressource

Die Wasserversorgung und vor allem die Bewässerungslandwirtschaft Ägyptens hängen zu 97 % vom Nil ab - und damit unmittelbar von den weiter Nil aufwärts gelegenen Staaten Sudan und Äthiopien. Sollten diese eines Tages für ihre eigene Entwicklung mehr Wasser beanspruchen, droht ein "Wasserkrieg", falls es keine einvernehmlichen Verträge über die Wassernutzung geben sollte. Als Äthiopien in der Vergangenheit Staudämme am Oberlauf des Nils plante, drohte die ägyptische Regierung unter anderem mit Bombardierungen und konnte so das Projekt verhindern.


Ausblick

Wasser ist zu einem weltpolitischen Problem geworden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich der weltweite Wasserverbrauch versechsfacht, während die nutzbaren Wasservorräte schwinden. Denn der steigende Verbrauch in Landwirtschaft, Industrie und Haushalten, die Vergeudung und die Verschmutzung von Wasser haben vor allem in den Entwicklungsländern diese unverzichtbare Grundlage allen Lebens extrem verknappt. Gleichzeitig werden sich die Erschließungskosten für neue Wasservorräte in absehbarer Zeit verdoppeln bis verdreifachen, da die meisten der leicht zugänglichen Reserven bereits genutzt werden. Es zeichnet sich eine globale Wasserkrise ab, die sogar Verteilungskämpfe um die begehrte Ressource heraufbeschwören könnte. Es ist dringend geboten, dass sich Anrainer und Nutzer von Wasserressourcen zusammenschließen und gemeinsame Konzepte zur Nutzung und zum Schutz derselben entwickeln. Die derzeitigen Konflikte lassen für den Fall einer "Weiter So" - Politik in der Zukunft nichts Gutes erahnen. Eine verstärkte Rolle muss im Rahmen der Verhandlungen und Vermittlungen internationalen Organisationen wie etwa der UNO zukommen, um Kriege um Wasser zu verhindern. Die UNO hat von 2005 bis 2014 zur Internationalen Aktionsdekade "Wasser - Quelle des Lebens" aufgerufen.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Lars Pennig, Kristian Uhlenbrock, Dr. Wilfried Korby
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003/2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 24.05.2012